Eine Meldung aus der Elementarteilchenphysik geistert momentan durch die internationale Presse: "Gottes Teilchen" (gemeint ist das Higgsteilchen) wurde nicht gefunden. Liest man einige der Artikel koennte man meinen, damit waere das Ende der Elementarteilchenphysik gekommen. Einige Klarstellungen dazu finden sich hier.
Zunaechst einmal: die Bezeichnung als "Gottes Teilchen" fuer das Higgs ist fuer sich schon fragwuerdig - weckt sie doch Assoziationen, die durchaus nicht gerechtfertigt sind: weder geht es hier um religoese oder auch nur philosophische Grundsatzfragen, noch hat das Higgs eine solche fundamentale Bedeutung fuer die Physik, dass eine so inflationaere Verwendung der Sprache gerechtfertigt waere. Wenn, dann waeren alle Teilchen "Gottes Teilchen", aber das Higgs so auszuzeichnen ist eher irrefuehrend als erleuchtend.
Wie in einigen aktuellen Artikeln in der Presse zu lesen ist, wurde das Higgsteilchen am LEP (einem inzwischen stillgelegten Beschleuniger am CERN, Genf) nicht gefunden. Mancherorts wird daraus der Schluss gezogen dass dies mit einem grossen Rueckschlag der Elementarteilchenphysik gleichzusetzen ist, der auch zukuenftige Projekte gefaehrdet.
In Wirklichkeit aber ist diese Meldung aber nur ein Beweis der Serioesitaet und der Professionalitaet der verantwortlichen Wissenschaftler: nachdem es im Herbst 2000 nach einer ersten Durchsicht der im vorangegangen Sommer genommen Daten ernsthafte Hinweise auf eine moegliche Entdeckung des Higgsteilchen gab wurde beschlossen, den LEP-Beschleuniger einen Monat laenger als urspruenglich geplant laufen zu lassen. Es war aber auch klar, dass diese erste Analyse serioeserweise nicht der Wahrheit letzter Schluss sein kann. Dennoch musste sofort eine Entscheidung ueber den Weitergang des Experiments getroffen werden, weil der LEP mit Ende 2000 stillgelegt werden sollte um Platz fuer seinen Nachfolger, den LHC, zu machen. Eine moegliche Entdeckung ganz knapp zu verpassen wollte man nicht riskieren, deswegen wurde das Experiment um einen Monat verlaengert, noch bevor eine endgueltige Analyse der Daten vorlag.
Wie neuere, sorgfaeltige Analysen gezeigt haben, kann man mit den vorhandenen Daten schlussendlich nicht von einer Entdeckung des Higgsteilchen sprechen. Es ist aber wichtig zu wissen, dass damit das Gegenteil - die Nichtexistenz des Teilchens - keinenfalls zweifelsfrei erwiesen ist. Nur weil man eine Vermutung nicht mit Bestimmtheit bestaetigen kann, ist sie damit noch nicht mit gleicher Bestimmtheit widerlegt - das zu behaupten waere ebensowenig serioes wie vorschnell von einer Entdeckung zu sprechen.
Es besteht also durchaus noch die Moeglichkeit, dass am LEP Spuren des Higgs gesehen wurden - sie konnten nur nicht mit ausreichender Sicherheit als solche identifiziert werden. Die Experimente, mit denen man diese Frage definitiv beantworten werden kann, sind aber schon im Bau.
Und was waere, wenn selbst diese Experimente kein Higgsteilchen finden werden? Selbst das waere kein Rueckschlag der Physik, sondern ganz im Gegenteil eine grosse Chance neue Physik zu finden - deswegen gibt es durchaus einige Wissenschaftler, die sogar darauf hoffen, kein Higgs zu finden. Es ist immer spannender etwas Neues zu entdecken als laengst Vermutetes nur zu bestaetigen.
Ganz generell kann der Ausgang eines Experiments in der Grundlagenforschung niemals als Rueckschlag bezeichnet werden - im Gegensatz zur anwendungsorientierten Forschung gilt es hier ja nicht ein gestecktes Ziel zu erreichen, sondern einfach darum, Fragen an die Natur zu stellen, die durch die Experimente beantwortet werden. Gleich welche Antwort die Natur gibt - sie ist wertungsfrei anzunehmen, weder als Rueckschlag noch als Erfolg, und gibt den Forschern den notwendigen Input um die Welt nochmals ein bisschen besser verstehen zu koennen.
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