Ich beschäftige mich mit Neutrinophysik, im Besonderen mit Neutrino-Oszillationen. Dies ist ein quantenmechanischer Effekt, der auftritt, wenn die Neutrinos Massen besitzen. Man kennt zur Zeit drei verschiedene "Neutrino-Flavours", nämlich Elektron-, Myon- und Tau-Neutrino. Wenn nun die Wechselwirkungszustände, in denen Neutrinos erzeugt oder detektiert werden, nicht mit den Massenzuständen übereinstimmen spricht man von Neutrinomischung. In diesem Fall kann es zwischen Erzeugung und Detektion eines Neutrinos zu einer Veränderung des Neutrino-Flavours kommen. Die Oszillationswahrscheinlichkeit ist abhänging von der Neutrinomischung, der Differenz der Neutrinomassenquadraten, der Neutrino-Energie und dem Abstand zwischen Erzeugung und Detektion der Neutrinos. Zur Zeit gibt es drei experimentelle Hinweise auf Neutrino-Oszillationen:
- Sonnen-Neutrinos: Seit den 60er Jahren beobachtet man Neutrinos, die im Inneren der Sonne entstehen. Der gemessene Fluss an Elektron-Neutrinos ist jedoch deutlich kleiner als von Sonnenmodellen vorhergesagt. Kürzlich wurde durch das SNO Experiment in Kanada bewiesen, dass die Elektron-Neutrinos am Weg von der Sonne zur Erde in Myon- und/oder Tau-Neutrinos umgewandelt werden.
- Atmosphärische Neutrinos: Durch das Auftreffen der kosmischen Strahlung auf die Erdatmophäre entstehen Neutrinos. 1998 konnte im Experiment Super-Kamiokande in Japan durch die Messung dieser Neutrinos gezeigt werden, dass die atmosphärischen Myon-Neutrinos in Tau-Neutrinos oszillieren.
- Das LSND Experiment: In diesem Beschleunigerexperiment in Los Alamos, USA, werden Oszillationen von Anti-Myon-Neutrinos in Anti-Elektron-Neutrinos beobachtet.

In meiner Dissertation habe ich mich ausführlich mit Vier-Neutrino-Oszillationen beschäftigt. Es wurde eine detailierte statistische Analyse aller relevanten experimentellen Daten durchgeführt. In Zusammenarbeit mit der Gruppe in Valencia wurden solar und atmosphärische Neutrinodaten mit dem LSND Experiment kombiniert. Darüber hinaus wurden auch Daten von Experimenten, die keine Neutrino-Oszillationen beobachten, im Fit berücksichtigt. Das Ergebnis dieser Analyse ist, dass Neutrino-Oszillationen in Vier-Neutrinospektren keine befriedigende Erklärung der Daten ermöglichen, da in allen Fällen gewisse Experimente zueinander in Widerspruch stehen:
In (3+1) Spektren stehen die Schranken von Experimenten die keine Oszillationen beobachten in Widerspruch zum LSND Experiment, während sich in (2+2) Spektren solare und atmosphärische Daten widersprechen. In (2+2) Spektren müsste das sterile Neutrino prominent entweder in solaren oder atmosphärischen Oszillationen auftreten. Da in beiden Fällen die Daten Oszillationen in aktive Neutrinos deutlich bevorzugen, ermöglichen diese Spektren keine befriedigende Erklärung der Experimente. Unsere Ergebnisse legen den Schluss nahe, dass einer der drei Hinweise auf Oszillationen (vermutlich das LSND Experiment), durch einen anderen, bisher unbekannten Effekt erklärt werden muß.
Die Neutrinophysik ist ein sehr aktiver Teil der Elementarteilchenphysik. Neutrino-Oszillationen stellen erstmals einen gesicherten Hinweis über Physik jenseits des Standard Modells dar. In naher Zukunft erwarten wir neue experimentelle Daten, die entscheidend zur Erforschung der Eigenschaften der Neutrinos beitragen werden. Insbesondere das KamLAND Reaktorexperiment in Japan wird entscheidend zur Lösung des solaren Neutrinoproblems beitragen, und MiniBooNE wird die Ergebnisse des LSND Experiments überprüfen. In weiterer Zukunft könnten Großprojekte - sogenannte Neutrino Factories - eine detailierte Erforschung der Neutrinos ermöglichen.
Persönlich bin ich schon sehr gespannt auf neue Ergebnisse von Neutrinoexperimenten, und ich freue mich auf die Zusammenarbeit mit der Gruppe an der TU-München.
Einige Links:
- Meine Publikationen
- TU-München, Prof. Lindner
- Astroparticle and High Energy Physics Group at the University of Valencia
- The Neutrino Oscillation Industry
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